Der irische Tee in Sein wie das Leben
Nuala O’Faolain ist eine irische Schriftstellerin. Sie arbeitete als Universitätsdozentin und als Produzentin, bevor sie Kolumnistin der Irish Times wurde. Ihre beiden ersten Bücher, die Autobiographie Nur nicht unsichtbar werden und der Roman Ein alter Traum von Liebe wurden große Bestsellererfolge. In Sein wie das Leben schreibt sie ihre Autobiografie fort. Die Rolle ihrer alkoholkranken Mutter, deren Einfluss auf das Familien- und Beziehungsleben spielen ebenso eine Rolle wie Nuala O’Faolains Befreiung der Familienschatten durch das Schreiben. Nachdem ihre langjährige Beziehung zu Nell, einer bekannten irischen Feministin scheitert, geht sie eine Beziehung zu einem [verheirateten] Mann ein.
Am nächsten Morgen weckte mich Joseph, und wir ließen Herzmedikament Herzmedikament sein und liebten uns doch. Er besaß die Gabe, sich Zeit zu lassen. Und er beobachtete mich nicht, sondern ging völlig in der Sache auf, sodass ich die Freiheit hatte, ganz ich selbst zu sein. Ich war wunschlos glücklich, als er von mir ging und zärtlich sagte: Schlaf weiter, ich geh nach unten und koch dir eine Tasse Tee. Es war Jahre her, dass mir jemand eine Tasse Tee gebracht hatte. Ich schlief in dem Vertrauen ein, dass ich in wenigen Minuten geweckt würde. Doch stattdessen wachte ich Stunden später verdutzt in einem kalten, leeren Haus auf. Er war verschwunden.
Nuala O’Faolain, Sein wie das Leben, 2005, S.75
Später ging sie für die Irish Times nach Belfast, um direkt von dort ihre Kolumnen zu schreiben. Zu der Zeit war es so ungewöhnlich, dass eine Dubliner Journalistin freiwillig nach Belfast ging, und deshalb interviewte man sie in einer populären nordirischen Fernsehsendung. Eine Folge dieser Sendung waren viele Einladungen zum Tee, die sie annahm, um mehr über die Nordiren zu erfahren.
Ich kam in ein blitzblankes nordirisches Haus nach dem anderen, wo man mir freundlich Tee einschenkte und mich aufforderte, mich von Teewagen voll köstlich zubereiteter Häppchen und Scones und Küchlein zu bedienen. Überall erklärten mir die Leute, sie seien nicht bigott und in ihrer Gegend seien immer alle bestens miteinander ausgekommen, bis sie von den Unruhen überrascht wurden. Nun könnte man natürlich Menschen verachten, die vollkommen ohne Gefühl für die Machtstrukturen sind, in denen sie ihre Sicherheit genießen. Aber was wissen Leute denn gemeinhin über den Zusammenhang zwischen ihren Privilegien und den fehlenden Privilegien ihrer Mitbürger? Ja, wer von uns hat überhaupt ein genaues Bewusstsein dafür, welchen Platz wir selber im Gefüge der menschlichen Ausbeutung einnehmen?
Nuala O’Faolain, Sein wie das Leben, 2005, S.96
Sein wie das Leben ist ein Buch klarer, ehrlicher Sprache, dabei voll Gefühl, ohne kitschigen Nachgeschmack zu hinterlassen. Nuala O’Faolain versucht sich selbst und so ihren Lesern über das Schreiben das Älterwerden erfahrbar zu machen und dabei hält sie wenig von Tabus – sich und den Lesern gegenüber.
Sein wie das Leben
Nuala O’Faolain
Broschiert – 259 Seiten – List Tb. – 6/2005
ISBN: 3548605567 – 8,95 Euro
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